
Ich weiß theoretisch ziemlich gut, wie man neue Gewohnheiten aufbaut.
Praktisch habe ich trotzdem ungefähr 200 Dinge angefangen und wieder abgebrochen.
- gesünder essen
- mehr spazieren gehen
- öfter eine Entspannungsübung machen
- und Krafttraining, weil es ab 30 immer weniger wird mit den Muskeln
- mehr Buch lesen statt Handy scrollen
- undsoweiter
Warum ist es so schwer, sich neue, gesunde Gewohnheiten anzueignen?
Denn eigentlich wissen wir ja oft ziemlich genau, was uns guttun würde.
So lief es jedenfalls bei mir jahrelang:
- Fitnessstudio-Mitgliedschaft abgeschlossen – und dann doch nur 5 mal hingegangen.
- Krafttraining zu Hause gestartet – und dann aufgehört, weil der Nacken sich so verspannt hat (klarer Fall von: Zu viel auf einmal gewollt!)
- Und wie oft ich schon versucht habe, mir Kaffee abzugewöhnen, kann ich gar nicht mehr zählen!
Man liest unterschiedliche Zahlen darüber, wie lange es dauert, bis eine Gewohnheit so fest etabliert ist wie das Duschen und Zähneputzen am Abend. 21 Tage, 60 Tage, manchmal noch länger.
Ich bin da ehrlich gesagt nie hingekommen. Meine ganzen Pläne zu Sport, gesunder Ernährung oder besseren Routinen sind meistens irgendwo zwischen Woche 1 und 12 implodiert.
Warum ist Verhaltensänderung so schwierig?
Zum einen ist da, trotz Veränderungswunsch, Bequemlichkeit. Es kostet Energie, sich und sein Verhalten zu verändern. Das umgeht das Gehirn lieber. Viele unserer Muster laufen schon seit Jahren oder Jahrzehnten. Kein Wunder also, dass das Gehirn nicht sofort begeistert ist, wenn wir plötzlich alles anders machen wollen.
Und Veränderung bedeutet für unser Nervensystem erst einmal: Unsicherheit. Selbst wenn etwas eigentlich gut für uns wäre – Sport, gesünder essen, Pausen machen, früher schlafen – ist es trotzdem etwas Neues. Und Neues kann sich erst einmal unsicher anfühlen.
Unser Nervensystem bevorzugt oft nicht das, was gut für uns ist. Sondern das, was vertraut ist.
Außerdem gibt es oft innere Anteile und Dynamiken, die uns vielleicht völlig unbewusst sind und die uns daran hindern, Veränderungen vorzunehmen. Manchmal können auch unbewusste, parafunktionale Loyalitäten eine Rolle spielen. Etwa wenn ein Teil von uns gelernt hat, dass Gesundheit, Kraft oder Leichtigkeit irgendwie „nicht erlaubt“ sind.
Warum unser Nervensystem Veränderung oft als Stress erlebt
Gerade wenn wir lange unter Druck standen oder Trauma erlebt haben, kann Veränderung sich innerlich schnell nach Überforderung anfühlen.
Denn viele Menschen versuchen, sich nicht aus Selbstfürsorge heraus zu verändern, sondern aus dem Gefühl: „Ich bin nicht in Ordnung so, wie ich bin. Ich muss anders sein.“ Auf diese Weise üben wir enormen Druck auf uns aus.
Das Nervensystem erlebt die Veränderung dann nicht als etwas Schönes oder Unterstützendes, sondern eher wie eine weitere Aufgabe, die erfüllt werden muss, um endlich „gut genug“ zu sein.
Dadurch entsteht oft ein innerer Konflikt: Ein Teil von uns will die Veränderung, während ein anderer Teil sich unter Druck gesetzt fühlt und irgendwann zu macht.
Wenn aus Motivation innerer Widerstand wird
Oft läuft es dann so: Am Anfang sind wir hochmotiviert: „Jetzt wird endlich alles anders. Jetzt ziehen wir es endlich durch!“
Wir nehmen uns zu viel vor, machen plötzlich alles gleichzeitig, halten das eine Weile durch. Und dann kommen Erschöpfung, innerer Widerstand und eine innere Rebellion.
Wir brechen die neue Gewohnheit wieder ab und landen genau dort, wo wir vorher waren. Nur mit noch mehr Frust und Selbstabwertung als vorher.
Warum Selbstabwertung selten zu nachhaltiger Veränderung führt
Wenn wir etwas Neues beginnen aus einer Art Selbstabwertung heraus, dann ist das zum einen unheimlich anstrengend, zum anderen fehlt dadurch oft die innere Haltung, die nachhaltige Veränderung überhaupt erst ermöglicht.
„Ich will mich gesund ernähren, weil ich fett geworden bin!“
„Ich will Sport machen, weil ich meine dicken Beine nicht mehr ertrage!“
Sowohl gesunde Ernährung als auch Sport sind ja eigentlich super gut und hilfreich für uns, werden aber oft aus einer Intention heraus gestartet, die überhaupt nicht liebevoll uns selbst gegenüber ist.
Wir gehen dann an die neue Gewohnheit auf eine Art und Weise heran, die so aussieht:
- Wir machen nicht sanften Sport, um erst mal langsam wieder rein zu kommen, sondern gleich richtig, sodass der Muskelkater auch garantiert kommt und der ganze Körper weh tut.
- Nur 2 Mal pro Woche Sport machen zählt nicht. Die Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität verlangt von uns, wenn dann bitte jeden Tag Sport zu machen.
- Wenn wir es mal nicht schaffen, kommt sofort wieder die Abwertung. Man fühlt sich nur wertvoll, wenn man „funktioniert.“
- Wenn man einmal beginnt mit dem Sport, dann reicht das natürlich noch lange nicht. Dann muss auch gleichzeitig die Ernährung optimiert werden, die Wohnung ausgemistet und die Schrittzahl erhöht werden.
Du siehst: Wenn der Veränderungswunsch auf einer Haltung der Selbstabwertung aufgebaut ist, wird es unglaublich anstrengend, weil es nie genug ist und wir immer weiter Möglichkeiten für die Selbst-Bestrafung finden.
Diese Härte gegen sich selbst ist leider typisch für Menschen, die Trauma erlebt haben. Doch zum Glück können wir die Haltung gegenüber uns selbst verändern.
Was du stattdessen tun kannst
Wenn es dir genauso geht, dass du schon zig Anläufe genommen hast, etwas zu verändern, und es nie dauerhaft funktioniert hat, sind vielleicht folgende Fragen hilfreich:
- Möchte ich etwas verändern, weil ich mir etwas Gutes tun möchte?
- Oder entspringt der Veränderungswunsch einer Selbstabwertung?
- Ist die Motivation also liebevoll mir selbst gegenüber oder eher abwertend?
Wenn letzteres der Fall ist, dann geht es womöglich erst einmal darum, deine Beziehung zu dir selbst zu verändern und dem abwertenden Anteil in dir einen liebevollen Anteil entgegenzusetzen.
Kleine liebevolle Schritte statt Selbstoptimierung
Kleine Schritte wirken oft unspektakulär. Aber genau dadurch überfordern sie das Nervensystem nicht. Statt Druck und innerem Widerstand entsteht eher die Erfahrung: „Ich kann mir vertrauen. Ich bin mir selbst ein sicherer Hafen.“ Und genau daraus wächst langfristige Veränderung.
Ein Mini-Programm, um deine Beziehung zu dir selbst zu verbessern, könnte zum Beispiel so aussehen, dass du dich 3x täglich fragst:
Was könnte ich jetzt Liebevolles oder Gutes für mich tun?
Und das können winzig kleine Sachen sein:
- Etwas trinken, weil du merkst, du hast Durst.
- Dich strecken, weil du merkst, dass deine Schultern verspannt sind.
- Oder deine Hand auf das Brustbein legen und für eine viertel Minute deinen Atem wahrnehmen.
Auf diese Weise stärkst du den liebevollen Anteil in dir und kannst nach und nach die liebevollen Taten für dich ausbauen. Es wird dir mit der Zeit immer leichter fallen, dir etwas Gutes zu tun.
Achte darauf, dass du dir nicht zu viel vornimmst. Kleine Schritte sind Gold wert für nachhaltige Veränderung.
Erst wenn du das Gefühl hast, es fällt dir leichter, freundlich zu dir zu sein und dir Dinge zu gönnen, die dir guttun, kannst du langsam beginnen, neue Gewohnheiten aufzubauen.
Ansonsten besteht die Gefahr, dass du wieder in das abwertende Verhalten zurückfällst, deine Gewohnheit abbrichst und erneut frustriert bist.
Und was ist jetzt mit den unbewussten Dynamiken?
Wenn du den Eindruck hast, du bist bereits liebevoll zu dir und deine Intention, etwas zu ändern, entspringt einer liebevollen Haltung dir selbst gegenüber – und dennoch schaffst du es einfach nicht, neue Gewohnheiten zu entwickeln, dann könnte eine unbewusste Dynamik dahinterstecken.
Manchmal hat man dann so eine Ahnung, was es sein könnte, es kommt aber auch vor, dass man dabei im Dunkeln tappt. Hier hilft dann oft der Blick von außen, um diese unbewussten Dynamiken aufzudecken. Ein Coaching oder eine Begleitung kann da sinnvoll sein. Falls du gerade Bedarf hast, dann schreib mir gerne.
Der Dreischritt zur Verhaltensänderung
Lass mich hier noch einmal zusammenfassen, wie eine nachhaltige Verhaltensänderung aussieht:
- Falls du merkst, deine Beziehung zu dir selbst ist eher abwertend als liebevoll, kannst du zunächst üben, liebevoller mit dir umzugehen, indem du auf dich achtest und dir selbst deine Wünsche und Bedürfnisse erfüllst.
- Beginne dann deine neue Gewohnheit aus einer liebevollen Motivation heraus und aus dem Wunsch, dir selbst etwas Gutes zu tun.
- Wenn du bemerkst, dass dich immer noch etwas Unbestimmtes an deiner Verhaltensänderung hindert, dann spür einmal in dich hinein, ob es Anteile oder Dynamiken geben könnte, die dem neuen Verhalten entgegenstehen und such dir gegebenenfalls eine Begleitung, um Unbewusstes sichtbar zu machen und zu lösen.
Ich für meinen Teil habe jetzt angefangen, mich regelmäßig zu fragen, was ich mir Gutes tun kann und beginne, eine sanfte, regelmäßige Bewegungspraxis zu etablieren und bin gespannt, wie es dieses Mal läuft. Ja, da sind noch Zweifel, ob es dieses Mal klappt, und das ist völlig normal, wenn man so viele Erfahrungen des Misslingens gemacht hat.
Und falls es wieder nicht klappen sollte, dann kaufe ich mir das Buch „Die Schönheit des Scheiterns“ von Charles Pépin. Das soll voll gut sein. 😀
